Medienmitteilung – Stopp Femizide: Jedes Jahr werden in der Schweiz 25 Frauen getötet

Frauen sterben, weil sie Frauen sind – Frauenstreik-Koordination fordert mehr Schutz für Frauen

Die Fälle Marie oder Lucie: Die Grausamkeit dieser Morde rüttelte die Schweiz auf – und fachte die Diskussion über die Gewalt gegen Frauen* und Mädchen kurz an. Doch in den vergangenen zehn Jahren wurden im Durchschnitt jährlich 25 Frauen* und Mädchen Opfer eines Femizids, weitere 52 eines Tötungsversuchs. Allein 2018 wurden 28 Frauen* und Mädchen getötet, 24 davon im Kontext von häuslicher Gewalt.[1] „Hinter jeder sogenannten Familientragödien stehen in Wahrheit männliche Besitzansprüche, verletzte Ehrvorstellungen und ähnliches“, sagt Simone Eggler[2] vom Netzwerk Istanbul Konvention und Terre des femmes. „Frauen erleben Gewalt, weil sie Frauen sind.“ Die Frauen*streik-Koordination Bern hat am Samstagmorgen in Bern auf Femizide – die grausamste Folge der Ungleichheit der Geschlechter – aufmerksam gemacht.

So gab es gemäss Bundesamt für Statistik (Kriminalitätsstatistik) 2015 in der Schweiz 30 Femizide und 44 Tötungsversuche an Frauen und Mädchen, 2016 waren es 25 Femizide und 56 Tötungsversuche, 2017 starben 20 Frauen und Mädchen, die Zahl der Tötungsversuche erreichte die hohe Zahl von 61.[3] 

Hinter jeder Zahl steht eine Frau oder ein Mädchen. „Eine Gesellschaft ohne Gewalt an Frauen schaffen wir nur mit der Gleichstellung der Geschlechter – und die Gleichstellung der Geschlechter erreichen wir nur mit dem Ende der Gewalt gegen Frauen“, sagt Simone Eggler.

Doch davon ist unsere Gesellschaft weit entfernt. Allein bei der häuslichen Gewalt registrierten die Schweizer Polizeikorps im vergangenen Jahr 7576 Frauen und Mädchen gegen die eine Straftat im Sinne des Gesetzes begangen worden war.  Auf der Täterseite waren die Verhältnisse umgekehrt: 7649 Männer erfasst die Statistik als Täter. 

Auch ausserhalb des häuslichen Umfelds sind Frauen Gewalt ausgesetzt, wie diese Woche die von gfs.bern[4] im Auftrag von Amnesty International publizierte Studie zur sexuellen Gewalt zeigte. Demnach erlitten 12 Prozent aller für die Studie befragten Frauen bereits eine Vergewaltigung. Von Gewalt betroffene Frauen brauchen Schutz. Schutz bieten die Frauenhäuser und das einzige Mädchenhaus in der Schweiz.

Überbelegte und unterfinanzierte Frauenhäuser

Doch zum Beispiel die drei Frauenhäuser im Kanton Bern, die insgesamt 19 Frauen und 22 Kindern Platz bieten, sind ständig voll belegt, wie Angela Falk[5], Fachberaterin bei der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, erklärt. „Allein das Frauenhaus Thun Berner Oberland++ musste vergangenes Jahr 44 Frauen++ wegweisen“, sagt Angela Falk, „allerdings liegt es in der Verantwortung der Frauenhäuser, einen anderen Platz für die Abgewiesenen zu organisieren. Wenn Frau und Kind JETZT Schutz benötigen, muss dieser sichergestellt sein. Entweder werden die Frauen und Kinder dann ausserkantonal untergebracht oder bei weiteren Institutionen, mit denen die Frauenhäuser zusammenarbeiten.“


Im Kanton Bern ist erst diesem Jahr die Notrufnummer der Frauenhäuser rund um die Uhr erreichbar – und dies nur dank Spendengeldern, nicht etwa dank Geldern des Kantons. Dabei rufen auch staatliche Stellen, wie die KESB oder die Polizei, die Frauenhäuser über die Hotline an.

Die Frauen*streik-Koordination fordert, dass der Kanton den Betrieb der Hotline umgehend finanziert. Der Kanton Bern zahlt nur die sogenannten Kernleistungen. Für den Rest müssen die Frauenhäuser Spenden auftreiben. Angesichts des Ausmass’ an Gewalt braucht es überdies dringend einen Ausbau des Platzangebots in den Frauenhäusern, sowie weitere Mädchenhäuser.  

Istanbul-Konvention umsetzen statt Kanonen kaufen bringt Mehrwert

Dies gebietet auch die Istanbul-Konvention des Europarats, die seit 1. April 2018 in der Schweiz in Kraft ist, und die Bund und Kantone zum Schutz von Frauen* und Mädchen gegenüber Gewalt und Diskriminierung verpflichtet. Und dies bedeutet auch, dass die Kantone die Gelder zur Verfügung stellen, die es braucht, um der Gewalt ein Ende zu bereiten.

Wir Frauen* und Mädchen brauchen keine Kanonen oder Kampfflieger, die Milliarden kosten, sondern Prävention, Schutz, Unterstützung und Strafverfolgung, wie sie die Istanbul Konvention verlangt.

Und: Gleichstellung! Das Patriarchat hat ausgedient. Jetzt ist Gleichstellung angesagt.

Es wird am falschen Ort Geld verpulvert und am falschen Ort gespart, ihre Herren!*

Wir wollen KEINE TOTEN FRAUEN! STOPP GEWALT! STOPP FEMIZIDE!

Frauenstreik*-Koordination Bern

Auskünfte: Simone Eggler, TERRE DES FEMMES Schweiz, Tel. 079 741 53 48

* Übrigens: weniger Gewalt = weniger Kosten (weniger Sicherheits-, Gesundheits-, Sozialhilfekosten etc.)    

++Berichtigung: Die Zahlen gelten nur für das Frauenhaus Thun Berner Oberland nicht für den ganzen Kanton Bern. Damit liegen die Zahlen für den ganzen Kanton Bern noch höher.


Links:

Weitere Fotos

TERRE DES FEMMES SCHWEIZ

Netzwerk Istanbul Konvention

Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern


[1] BFS: Polizeiliche Kriminalstatistik 2018: Tabelle: „Tötungsdelikt: Aufklärung und Vorjahresvergleich (vollendet und versucht) nach Tatmittel, Beschuldigte und Geschädigte“; abrufbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kriminalitaet-strafrecht.assetdetail.7806448.html

[2] Interview mit Simone Eggler (TERRE DES FEMMES SCHWEIZ):

[3] BFS: Polizeiliche Kriminalstatistik 2018: Tabelle: „Häusliche Gewalt: Geschädigte von vollendeten Tötungsdelikten nach Beziehung, Geschlecht und Alter“; abrufbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kriminalitaet-strafrecht.assetdetail.7806383.html

[4]Gfs.bern: „Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt an Frauen sind in der Schweiz verbreitet“; abrufbar unter: https://www.gfsbern.ch/de-ch/Detail/sexuelle-belaestigung-und-sexuelle-gewalt-an-frauen-sind-in-der-schweiz-verbreitet

[5] Berichtigtes Interview mit Angela Falk (Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern):